Von Wahlkampfbonbons über Utopien zur Just culture

Die 80-80-90-Regelung wird mit dem neuen Gehälterabkommen wieder abgeschafft. Die Stagezeit von drei auf zwei Jahren wieder verkürzt und der „ancienneté de service“ angerechnet. Pensionsabgaben der, in den Jahren 2015 bis 2018 eingestellten, Angestellten werden nachträglich seitens des Staates einbezahlt.

Wahlkampfbonbon oder Einsicht?

Na? Hört ihr sie auch, die Stimmen, welche von Wahlkampfgeschenken grölen? Also noch einmal zum Mitschreiben an alle Brandstifter, die munter versuchen den Keil zwischen öffentlichen und privaten Sektor tiefer zu treiben: dieses Abkommen ist im Sinne der jungen Menschen. Ein Abkommen für diejenige, die erst beginnen sich ein Leben aufzubauen. Und alle, die glauben, dass man, um den Privatsektor zu stärken, den öffentlichen Sektor schwächen muss, sind auf dem Holzweg.

Als SYPROLUX begrüßen wir die erzielte Einigung zwischen der CGFP und Dan Kersch, Minister des öffentlichen Dienstes. Des Weiteren begrüßen wir die Vorgehensweise des Ministers, alle anderen Gewerkschaftsvertreter des öffentlichen Dienstes im Vorfeld konsultiert und über die bevorstehenden Schritte informiert zu haben. Am Ende liessen alle Seiten Einsicht walten im Sinne der künftigen Angestellten und des öffentlichen Dienstes.

Wir brauchen junge Leute im gesamten öffentlichen Dienst, und ins besondere im öffentlichen Verkehr. Die Herausforderungen sind groß, Bauvorhaben mehr als genug vorhanden. Wollen wir dem Verkehrskollaps entrinnen, so geht dies nur durch den Ausbau eines effizienten öffentlichen Transports. Und dieser benötigt genügend, gut ausgebildetes und motiviertes Personal.

Die Passagierzahlen schnellen in die Höhe, auf unserem Netz tummeln sich die Züge wie die Ameisen auf ihren Wegstrecken durch den Wald. Dies erfordert ein Mehr an Aufwand, ein Mehr an Aufmerksamkeit, ein Mehr an Verantwortung. Vor allem, aber nimmt die Schnelligkeit des Handels zu und somit steigt die Gefahr von Fehlentscheidungen oder Fehleinschätzungen.

Nullfehlerquote ist eine Utopie

Fehler gehören zum tagtäglichen Leben. Die „Nullfehlerquote“ ist und bleibt schlichtweg eine Utopie. Hingegen wird der Versuch Fehler zu vermeiden unsere ständige Herausforderung sein. Und Verantwortung unser steter Begleiter. Wenn die „Nullfehlerquote“ nicht existiert, so ist dies kein Freibrief für Fehlhandlungen zu entschuldigen, denn das Rechenschaft ablegen bleibt.

Derzeit wird intensiv über ein neues Disziplinarrecht bei den CFL debattiert. Um den Verhandlungstisch ist man sich einig, dass bestehendes Regelwerk an und für sich eine Anachronismus ist. Das „dictionnaire des punitions“ ist irgendwann zwischen Dampf- und Diesellok hängengeblieben. Völlig unlogisch ist ebenfalls die Tatsache, dass betreffender Agent sich nur vor dem „conseil d’enquête“ verteidigen kann, vor der „commission d’enquête“ wird er in die Rolle des Statisten gezwängt. Miteinander reden und Geschehnisse verstehen sind beides Elemente, welche in der jetzigen Prozedur eher zweitrangig sind. Der heutige Strafenkatalog begünstigt vielmehr ein sich Aufschaukeln von vielen kleinen Vergehen bis zum gefährlichen „point of no return“.

Just culture soll Trumpf sein

Aus Fehlern sollen Lehren gezogen und Fehlerquellen identifiziert werden. Deshalb ist es wichtig, dass das Disziplinarrecht auf der Kommunikation fußt. Dies heißt wiederum, dass die Untersuchung, bzw. Analyse eines Geschehens in den Vordergrund treten muss. Dreh- und Angelpunkt wird dabei die Definition von Geschehnissen sein, sowie eine klare Klassifizierung möglicher Vergehen. Des Weiteren gilt es die Rollen einzelner Akteure in diesem neuen Prozess klar zu umreißen. Eigentlich ist das Ziel, so viele Geschehnisse wie möglich aufzuklären und somit eigentliche Strafverfahren zu vermeiden. Demnach ein Kreislauf von Analyse, Verantwortung übernehmen, Verbesserung, Ausbildung, Motivation; der eigentliche Sinn und Zweck einer Just Culture.

Für uns als SYPROLUX steht in dem ganzen Prozess die Betreuung des einzelnen Mitarbeiters im Mittelpunkt. Personalvertreter haben an und für sich zwei wichtige Missionen. Einerseits die Betreuung bzw. Begleitung eines Kollegen. Hier übernimmt er eher die Rolle des Zuschauers, der abwägt ob alles in geregelten Bahnen abläuft. Des Weiteren ist er eine Stütze für den Kollegen bzw. Kollegin in Gesprächen mit der Hierarchie.

Andererseits ist der Personalvertreter auch Verteidiger. In diesem Fall übernimmt er eine aktivere Rolle vor offiziellen Instanzen im Interesse des Kollegen bzw. Kollegin.

Ja, es kann eine Gratwanderung sein die verschiedenen Rollen zu trennen. Doch mal ehrlich: wir als Personalvertreter haben ja auch die Hoffnung noch nicht verloren, dass die „Soft skills“-Ausbildung der Chefs fruchten wird!

Mylène BIANCHY